Das Letzte Lied

Es ist kalt und dunkel an diesem Weihnachts-Morgen. Vor wenigen Augenblicken verabschiedete ich mich von Mark, der die Tangaroa auf der Suche nach neuen Abenteuern verlässt.

Ich stehe draußen vor der „Churreria de Santa Florentina“, einem Ort, den mir der Marinero José empfohlen hat. Die Fensterläden sind noch immer geschlossen. Es ist 06:45 Uhr morgens. Mir ist kalt und ich fühle mich allein.

Der Geruch von frischen Churros fängt langsam an, die Straße zu füllen und erinnert mich daran, als ich ein kleines Mädchen war. Ich habe als Kind viel Zeit in Spanien verbracht. Es war immer eines der Highlights für mich, in den frühen Morgenstunden am Wochenende in die Churreria zu gehen.

An einem Ort den ich nicht kenne. Einer Stadt, von der ich noch nie zuvor gehört hatte. Scheint es mir der einzige tröstliche Gedanke zu sein, den ich in diesem Moment finden kann, als ich hier stehe und darauf warte, dass sich der Laden öffnet.

Ich fühle mich überwältigt; mein Kopf ist schreiend laut, voller Gedanken – ich versuche, sie zu beruhigen, indem ich Matt Berningers wunderschöne Stimme singen höre:

„If this was our last song
What would we do then?
If this was our last song
What would we say then?
If this was our last time
What would we do?
What would we say then?“

„Wenn das unser letztes Lied wäre
Was würden wir dann tun?
Wenn das unser letztes Lied wäre
Was würden wir dann sagen?
Wenn das unser letztes Mal war
Was würden wir tun?
Was würden wir dann sagen?“

Mit jedem Ton und jedem Wort beginne ich langsam zu verstehen, was gerade passiert ist. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Aber es scheint zu viele von ihnen zu geben.

Innerhalb von nur sechs Monaten hatte sich alles in meinem Leben verändert. Von verheiratet mit der Liebe meines Lebens, zum Kauf eines Segelbootes mit einem Fremden und plötzlich war ich nun ganz allein am Heiligabend an einem mir unbekannten Ort.

Tangaroa war erschöpft, und ich war es auch. Wieder einmal waren wir von Salzwasser überflutet worden. Jedes Kissen und jede Matratze – alles war nass. Und kalt.

Der Gedanke, aufzuhören, war mir in den Sinn gekommen. Die Idee, für die Feiertage nach Hause zu gehen. Den Komfort freundlicher Gesichter und gutes Essens zu genißen. Ein warmes Haus umgeben von den Menschen, die man liebt.

Aber was würde ich hier zurücklassen? In den letzten fünf Monaten, seit dem Kauf von Tangaroa, ist sie so viel mehr als nur ein Boot für mich geworden. Sie ist meine beste Freundin und mein Zuhause. Das hier ist mein Zuhause!

Sie ist mein Zuhause. Sie ist wo ich hingehöre.

Und nicht nur ich war von diesem schrecklichen Winter-Segel-Törn durch das Mittelmeer erschöpft. – Sie war es auch. – Und nun lag es an mir, mich um sie zu kümmern. So wie sie auf dieser Fahrt jede Tracht Prügel des Meeres über sich ergehen lassen hat, um mich in Sicherheit zu wissen.

Mark’s Verlassen des Bootes ist sehr schmerzhaft für mich. Schmerzhaft, weil nach fünf Monaten, in denen wir jeden einzelnen Moment miteinander verbracht haben, es sich plötzlich so anfühlt als würde ein Teil von mir fehlen. Man schmiedet Pläne zusammen und plötzlich sind sie alle zerschmettert.

Schmerzlich auch, weil seine Abreise schließlich auch das Pflaster von meiner zerbrochenen Ehe reißt. Und all diese schmerzhaften Gefühle, die ich in den letzten Monaten tief in mir vergraben hatte, plötzlich ihren Weg zur Oberfläche finden.

Und schmerzhaft, weil ich mit seiner Abreise auch von Zweifeln überwältigt werde. Mich konstant frage, ob ich überhaupt dazu in der Lage bin dieses Abenteuer alleine anzutreten? Schließlich hatte ich nie geplant, allein um die Welt zu segeln. Kann ich meine Tangaroa ganz alleine reparieren? Kann ich diese 42-Fuß-Schönheit alleine bewältigen, in Häfen manövrieren und auf See die richtigen Entscheidungen treffen? Oder war es unvernünftig diesen Traum am Leben zu erhalten, und brachte ich uns alle damit nur in Gefahr?

Plötzlich werde ich von all diesen Gedanken weggerissen. Die Fensterläden öffnen sich mit viel Lärm. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens. Ich kann die Überraschung auf den Gesichtern der Mitarbeiter sehen, als sie erkennen, dass ich bereits draußen warte. Während sie sich weiter auf einen anstrengenden Tag vorbereiten, bestelle ich: „Una ración de churros finos y un chocolate caliente“ und kann nicht anders, als zu lächeln.

Als ich zurück zur Tangaroa gehe, fühle ich mich plötzlich aufgeregt. Und obwohl ich erschöpft bin, merke ich, dass meine Schritte immer größer und schneller werden. Ich stoppe die Musik, das Lied „Last Song“, welches ich in den letzten 30 Minuten wiederholt angehört habe. Der Himmel ist noch dunkel; nur die Straßenbeleuchtung leuchtet den Weg. Die Stadt ist noch am Schlafen. Straßenfegerfahrzeuge kreisen umher und lassen Cartagena für die Festlichkeiten hübsch aussehen.

Cartagena noch im Tiefschlaf.

Als ich nach Hause komme, und an Bord gehe, sind meine Augen voller Tränen gefüllt und mein Herz springt hoch. Ich habe vielleicht nicht alle Antworten und fühle mich innerlich gebrochen. Aber dies ist der Beginn einer neuen Reise. Eine Reise mit Donna und Tangaroa.

Denn ich bin nicht alleine. Und gemeinsam werden wir das durchstehen.

Ich nehme Donna in meine Arme und wir teilen uns die allererste Portion Churros unseres neuen Lebens. Meine Worte widme ich an Tangaroa. Ich verspreche, ich werde auf dich aufpassen. Ich werde nie wieder unsere Route gegen das Wetter eilen. Und ich werde immer unsere Sicherheit zur obersten Priorität machen. Ich liebe dich.

Musik:
Clogs - "Last Song" (feat. Matt Berninger von The National)
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jonnalita
jonna@sailing-tangaroa.com

I pair my memories with pictures and music. You will find these in my blog posts. The stories I tell are of my journey, how I experience life. Propelled by the wind, sea, and sunlight - traveling around the world by sailboat. With my two faithful companions Donna (dog) and Tangaroa (boat).

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Tangaroa in the middle of a flat sea